Liebe Kolleginnen und Kollegen,
unser ärztlicher Arbeitsalltag hat sich in den vergangenen Jahren ebenso verändert wie die Rahmenbedingungen unseres Privatlebens. Ursachen für einige dieser Veränderungen waren die Pandemie, Terroranschläge in Halle und Magdeburg sowie der Krieg in Europa und der spätestens seit diesem Sommer nicht mehr zu leugnende Klimawandel mit Folgen wie Hitze und Dürre. Im beruflichen Kontext stellen sich jetzt Fragen nach Hitzeschutzkonzepten in der eigenen Praxis ebenso wie nach der Überarbeitung von Konzepten für den Massenanfall von Verletzten (MANV) in Rettungsdiensten und Kliniken bei Terrorlagen. Außerdem sollten wir uns als Gemeinschaft überlegen wie wir in dem von uns getragenen Gesundheitssystem mit einer weiteren Flüchtlingswelle aus Osteuropa bei einem NATO-Bündnisfall umgehen können.
Vor diesem Hintergrund hier meine Frage an Sie: Wie sind Sie und Ihr persönliches Umfeld auf mögliche Krisen vorbereitet? Haben Sie einen Wasser- und Ernährungsvorrat für 10 Tage, den Sie auch bei Stromausfall zubereiten können? Haben Sie ein Notfallradio und einen Notfallrucksack für eine Evakuierung? Wissen alle Ihre Familienmitglieder, wie sie sich bei einem Brand in der Wohnung verhalten müssen? Wenn Sie mir diese Fragen vor 2 Jahren gestellt hätten, ich hätte Sie für einen übertrieben ängstlichen Prepper gehalten. Aber es geht bei den Selbstvorsorge-Empfehlungen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) nicht darum, letzter Überlebender in einer postapokalyptischen Welt zu sein. Es geht darum, sich nicht am zweiten Tag einer über die sozialen Medien verbreiteten Desinformationskampagne über Lieferengpässe von Wasser und Grundnahrungsmitteln Gedanken machen zu müssen. Denn eine solche Kampagne reicht aus, dass es tatsächlich kein Mineralwasser und keine Nudeln mehr gibt. Wenn Sie sich an den relativen Toilettenpapiermangel der COVID-Pandemie erinnern, ist dies für die meisten Verbrauchsgüter (in Italien wurde Wein, in den USA Waffen und Munition gehortet) ein reales Szenario.
Das BBK bietet viele Hilfestellungen – von der Checkliste für Notgepäck und Brandschutz über die NINA-Warn-App bis zu sogenannten EHSH (Kurse in Erster Hilfe mit Selbstschutzinhalten). In einem bereits 2012 erarbeiteten Konzept der American Medical Association für Katastrophenmedizin ist die erste Kernkompetenz die „Vorbereitung von Einzelpersonen und Familien auf Katastrophen und Notfälle im Bereich der öffentlichen Gesundheit“. Ohne eine persönliche Vorbereitung sind alle weiteren Konzepte im Gesundheitssystem hinfällig. Niemand von uns kann den täglichen Einsatz im Gesundheitssystem in einer Krise aufrechterhalten, wenn er oder sie sich darum sorgen muss, ob die eigenen Kinder etwas zu essen haben, die Eltern frieren oder der eigene Partner in Gefahr ist. Bitte sorgen Sie für sich und Ihr Umfeld vor. Die Angebote sind da, wir müssen sie nur nutzen.
Ihr Dietrich Stoevesandt
Vorstandsmitglied der Ärztekammer Sachsen-Anhalt